In dieser Garnbeschreibung erfährst du, was sie sich bei Noro in Japan beim Kreieren der Noro Tensan für Herbst/Winter 2025 und beim Garnnamen gedacht haben. Es wird wild und himmlisch …

Steckbrief Noro Tensan
Noro Tensan Handstrickgarn Materialzusammensetzung: 68% Seide und 32% Wolle
Verkaufseinheit: 150 g
Lauflänge: 300 m auf 150 g (das sind 200 m auf 100 g)
Empfohlene Nadelstärke auf dem Etikett: 4,5 – 5,0 mm (ich finde jedoch, dass 5,5 auch gut passt)
Maschenprobe laut Etikett: ca. 14–16 Maschen x ca. 22–24 Reihen = 10 cm x 10 cm
Verkaufspreis pro Einheit: um die 47,50 bis 49,95 Euro (je nach Preispolitik des einzelnen Garnhändlers)
Garngewicht: 4 Medium, Worsted/Aran
Herkunftsland: Japan
Launch des Garns: Saison Herbst/Winter 2025, konkret September 2025
Vom wilden Seidenwurm zum Tensan-Faden
Hübsches buntes Garn und eklige Raupen … das ist schwer zusammenzubringen, doch der Großteil der Rohmaterialien für die Noro Tensan [天蚕] stammen nun einmal aus zwei Drüsen am Unterkiefer von sogenannten Seidenraupen. Sie spinnen damit um sich herum und bauen sich ihren Kokon, von dem später die Seidenfasern gewonnen werden.
Basierend auf diesem Wunder der Natur ist der Garnname entstanden, denn Tensan ist der japanische Ausdruck für wilder Seidenwurm oder himmlische Seidenraupe. Ihr haben wir zu verdanken, dass sich in diesem Garn 68 Prozent dieses wertvollen Materials aus verschiedenen Rohseidenarten befinden. Welche genau das sind, konnte ich noch nicht von Takuo erfahren, da es bei Noro gerade heiß hergeht, um die zahlreichen Bestellungen von Knittingfever zu produzieren und die Noro Koma muss ja auch noch versandt werden.
Wilde Seide
So bleiben die Fragen zur Herkunft unbeantwortet und wir müssen uns einfach mit dieser Info begnügen. Doch da auf dem Etikett „Tensan is the wild silk native to Japan“ steht, gehe ich davon aus, dass die Rohseide eine Wildseide direkt aus der Natur ist und mit „verschiedene Seidenarten“ gemeint ist, dass sie von wild lebenden Seidenspinnern aus Japan stammen, die auf verschiedene Baumarten spezialisiert sind, wie zum Beispiel der Japanische Eichenseidenspinner oder der Atlasspinner und weitere.
Hier mal eine Zeichnung von verschiedenen Seidenspinner-Arten und den Entwicklungsstadien eines Seidenspinners aus Wikipedia.

Himmlisch flirrende Impressionen
Wie du gut an den eher unbunten Seidenspinnern erkennen kannst, bezieht sich das „himmlisch“ eher auf die unglaubliche Fähigkeit dieser Tierchen, einen einzigen, bis zu 900 Meter langen Faden zu erzeugen, aus dem sich dann himmlisch schöne Sachen machen lassen. In diesem Fall ist es die Noro Tensan und in der Kombination mit Wolle ist wieder einmal ein Meisterwerk entstanden:
- zum einen, da das Garn nur aus Naturmaterialien (Seide und Wolle) besteht und
- zum anderen, was die Färbungen betrifft.

Die Basismaterialien für die Noro Tensan wurden vielfach gefärbt. Betrachten wir uns dazu einmal die Noro Tensan #05 Urasoe mit viel Grün näher.

Du erkennst, wie sich ein Grünton erst ganz hell anbahnt, dann durch das mehrfache Färben intensiver und intensiver wird. Dabei wird dieser „Verlauf“ jedoch nicht direkt nebeneinander gestellt wie sonst bei den Farbverlaufsstreifen, sondern in klitzekleine Faserabschnitte getrennt, die dann tweedartig wieder zusammengesetzt werden. Dadurch entsteht ein „Muster“ aus tausenden Sprenkeln, die wiederum subtile Streifen bilden.
Das ergibt dann verstrickt eine unglaubliche Optik, die wie impressionistische Malerei anmutet. Fast jede Masche sieht anders aus, eben wie diese typisch kurzen Pinselstriche der Impressionisten, mit denen sie versuchen, das Spiel von Licht und Schatten einzufangen, und aus denen sich erst aus der Distanz ein vollständiges Bild offenbart.
So entsteht der Eindruck von Tiefe und eine unglaublich tupfige Farbenpracht – so flirrend, dass sie kaum mit der Kamera eingefangen werden kann. Das Garn sieht in Natur noch viel schöner aus als auf jedem Foto.

Haptik und Look und woran mich die Noro Tensan erinnert
Der Look
In meiner Ankündigung zu den neuen Garnen für den Herbst/Winter 2025/2026 von Noro habe ich die Noro Tensan als Winterversion der Noro Kakigori betitelt, doch jetzt denke ich eher an die Noro Kogarashi. Schau mal hier der Beitrag zu einer Mütze aus dem Garn, die damals bei mir die Assoziation zu Monet erweckt hatte. Und hier siehst du sie im Vergleich zum Teststrick mit der Noro Tensan.

Verblüffend ähnlich und beide Garne bestehen aus den gleichen „Zutaten“
. Noro Kogarashi Noro Tensan
Seide 51 % 68 %
Wolle 49 % 32 %
Lauflänge/100g 150 m 200 m
Die Haptik
Die Noro Kogarashi ist dicker als die Noro Tensan und damit ist letztere noch vielseitiger einsetzbar für Bekleidung und Accessoires, da sie viel leichter ist. Die Haptik ist auch fast wie bei ihrer älteren Schwester Kogarashi, die zwar fülliger ist, aber auch den glatten Griff der Seide hat, der bei der Noro Tensan allerdings noch einmal ausgeprägter ist, bei 68 % Seide, kein Wunder.
Das Stricken mit der Noro Tensan
Stricken lässt sich das Garn gut sowohl mit Metallnadeln, wie den Lykke Steel Flight, als auch mit den Holznadeln von Lykke. Auf dem Etikett sind die Nadelstärken 4,5 bis 5,0 mm angegeben. Aus meiner ersten Strickerfahrung würde ich die 4,5er nicht nehmen. Ich fand sogar bei der 5er Nadel das Gestrick etwas steif und habe mich am Ende für mein Strickteil für 5,5er Nadeln entschieden. Dabei kommen circa 13 bis 13,5 Maschen auf 10 cm Breite, wobei ich da recht locker gestrickt habe.

Für mein Projekt möchte ich einen eher weichen, lockeren Fall, daher meine Wahl für die größeren Nadeln, auch wenn die Strickerfahrung mit der Noro Kogarashi zeigt, dass das Garn mit der Zeit nachlässt, also an Rücksprungkraft verliert; meine Mütze wurde weiter. Das konnte ich dann mit Hutgummi wieder eindämmen. Ob sich die Noro Tensan – aufgrund der ähnlichen Zusammensetzung – auch so verhält, kann ich heute noch nicht sagen, denn es wird sich erst im Laufe der Zeit zeigen.

Das Garn ist jedoch so wunderschön, dass ich in jedem Fall etwas stricken wollte und ich habe mir ein Design überlegt, bei dem es einmal nichts ausmacht, wenn es später etwas weiter wird und zum anderen verzichte ich komplett auf Rechts-Links-Rippbündchen (die dann eben auch nicht nachgeben können). Doch dazu dann mehr im fertigen Teil, das ich, sobald es soweit ist, unter Projekte veröffentlichen werde.
Der Faden
Der Faden ist rund und robust, sehr reißfest und wirklich nur ganz ganz selten dünn. Ich hatte nur zwei Ministellen auf 450 g (also über ganze drei Knäuel), an denen das Garn über je eine Ministelle von 2 Zentimetern ganz dünn wurde. Sonst ist der Faden proper und fest. Also wenn du fest strickst, ist das dein Garn.

Im Noro-Heft 27 wird dieses Garn übrigens so eingeführt …
Noro Tensan – The yarn of quiet drama
A new lavish yarn brings a painter’s canvas to mind. An opulent blend of silk and wool exudes all the charm and mystery of an artist’s palette: softly shifting shades are flecked with unexpected colours, recalling sun-dappled leaves, drifting cherry blossoms petals, the ripples in a river at dusk.
The wool provides the structural foundation, the silk brings an elegant, glossy strength for a winning combination.
Hier meine freie Übersetzung davon auf Deutsch:
Noro Tensan – Ein Garn voll subtiler Spannung (oder Dramatik)
Das neue, luxuriöse Garn lässt uns an die Leinwand eines Malers denken. Es ist eine opulente Mischung aus Seide und Wolle, die all den Charme und Zauber rund um die Farbpalette eines Künstlers verströmt: sanft wechselnde Schattierungen sind mit unerwarteten Farben durchsetzt und erinnern an sonnenbeschienene Blätter, fortwehende Kirschblüten, die Kräuselungen auf der Oberfläche eines Fluss in der Abenddämmerung, …
Die Wolle liefert die strukturelle Basis, die Seide verleiht eine elegante Strahlkraft für eine gelungene Kombination.

Da bin ich ganz dabei, ich finde die Noro Tensan wahnsinnig aufregend. Und so kommen wir gleich zu den Tönungen …
Die Farbwunder
Zum Launch der Noro Tensan im Herbst 2025 kamen sechs Farben auf den Markt, die wir uns nun im Einzelnen anschauen. Dabei haben alle Rapporte einmal eine farbliche Grundanmutung, die sich jedoch in Tausend Farbtupfer auflöst. Also ist das Folgende nur der Versuch einer Beschreibung dieser Farbwunder:
#03 Nago

Hier ist Pink die Grundanmutung, aber auch zusammengesetzt mit gelblichen und bläulichen Sprenkeln, die jeweils eine warme und kühle Komponente mit hineingeben.
#05 Urasoe

Eindeutig ein Spiel mit satt grünen Variationen, zwischen Limettengrün und Petrol, wenn man aus der Ferne auf diese Farbstellung schaut, mit etwas kühlem Weiß und warmem Terrakotta ausgeglichen. Doch wenn du nah herangehst, erkennst du auch grünblaue und blaue Sprenkel.
#06 Ginowan

Hier spielt Weinrot die Hauptrolle mit etwas Ziegelrot, Jadegrün und einem Senfton. Doch es finden sich auch Sprenkel in Violett, Grün, Blau und hellem Mintgrün.
#10 Rumoi

Hier ist die Grundanmutung Lila, doch beim Heranzoomen siehst du eher Magenta und Flieder, dazu kommen seegrüne Töne und etwas gelbliches Grün (Chartreuse).
#11 Akabira

Die für mich ausdrucksschwächste Variante wirkt für mich auf den ersten Blick wie etwas Verwaschenes. Doch wenn du dir weiter unten das Modell aus dieser Farbe ansieht, erkennst du einen hellen Fliederton, ein helles Grüngelb, Grauweiß mit ein paar türkisfarbenen und roten Sprenkeln, die noch etwas Fröhlichkeit in diese eher blasse Variante geben.
#13 Hokuto

Hokuto mutet wie die hellere Ausgabe von Urasoe an, also eher Türkis mit Fliederblau und hellem Braun – eine sehr tonige Variante, die von weitem fast einfarbig aussieht.
Hier noch einmal ein Foto mit allen Farben als Strickprobe direkt von Noro aus Japan:

Nachdem ich das Garn nun von allen Seiten „umschwärmt“ habe, schauen wir mal auf die fertigen Modelle …
Jacken, Westen und Accessoires aus der Noro Tensan
Die ersten Modelle finden sich – wie immer – im aktuellen Noro Magazine, hier der Ausgabe 27. Im Folgenden siehst du das Cover, auf dem jedoch ein Pullover aus der Noro Ito abgebildet ist.

Und im Heft findest du dann folgende Modelle aus der Noro Tensan:
Gestrickte Weste „Ayr“ von Jaqueline van Dillen aus zwei bis vier 150-g-Knäuel der Farbe #5, je nach Größe (S, M, L, XL, XXL), hier gezeigt in der Größe Medium:

Den Cardigan „Juno“ vom Noro Design Team kannst du mit vier bis fünf Knäuel der Noro Tensan nachstricken in den Größe S, M, L und XL. Im Foto sieht du die Medium-Versionen:

Der Kapuzenschal „Bramble“ besteht aus zwei Knäuel der Farbe #13. Er wurde designt und in einer Einheitsgröße mit einer Breite von 24 cm und fertigen Länge (Hälfte) von 83,5 cm gestrickt von Rosemary Drysale:

Der Loop “Autumn Rivers” ist ebenfalls von Rosemary Drysale, gestrickt aus einem Knäuel, also 150 g der Noro Tensan Farbe #10 mit den Maßen 66 cm x 25,5cm:

Mein Projekt wird auch ein Weste oder besser gesagt ein Westover. Ich wollte zuerst auch die Ayr stricken, habe mich dann aber für ein eigenes Design entschieden, dass du bald unter Projekte sehen kannst. Meine Wahl ist die grüne Variante, die Farbe #05 Urasoe, meine absolute Lieblingsfarbe der Noro Tensan.

Solltest du Fragen haben, kontaktiere mich gern 🙂. Konnte ich dich mit meiner Garnbeschreibung der Noro Tensan begeistern? Dann unterstütze mich gern, vielleicht mit einer Tasse guten Tees. Das würde mich riesig freuen und ich sage dir schon einmal herzlichen Dank.
Zu den Reviews der anderen Norogarne …
Zum Schluss noch einmal die Nebeneinanderstellung der Noro Kogarashi und der Noro Tensan jeweils in ihrem Urzustand, als Strang und Knäuel. Die herrlichen Sprenkel stimmen mich, jetzt, Ende November auch gleich auf die kommenden Festtage ein. Denn wirken sie nicht auch wie ein magisches Lichtermeer?

Fotoquellen
Die Quellen der stehen direkt unter den Fotos oben. Die Fotos der Farbrapporte und Modelle aus der Noro Tensan stammen von Knittingfever / Noro Magazine (Soho) / Eisaku Noro & Co. Ltd.
Restliche Fotos und Text © Katrin Walter – Noromaniac