Verrückt nach Noro-Garn
 
Der Origami Shawl aus Noro Shiro

Der Origami Shawl aus Noro Shiro

Das Origami Shawl Design hat mich sofort nach seiner Veröffentlichung im Noro Knitting Magazine 14 (Frühjahr/Sommer 2019) fasziniert. Ich fand es ungewöhnlich und sehr elegant, ein echter Design-Coup. Er stammt von Margie Kieper. Ich stehe mit ihr schon eine Weile in Kontakt und so habe ich die Gelegenheit genutzt, sie zu ihrem Design zu befragen und ein wenig über das Designerinnen- und Handarbeiterinnen-Leben zu plaudern. Doch erstmal zeige ich dir meinen Schal, denn ich habe ihn nun endlich, ganze zwei Jahre später, selbst in Angriff genommen.

Zuerst schien mir das Muster sehr kompliziert zu stricken, doch als ich anfing, war es gar nicht so schwierig. Da das Muster aber über 35 Reihen geht, musst du trotzdem immer wieder auf die Anleitung schauen, aber das Stricken ist einfach, denn es sind sehr viele rechte Maschen und nur ab und an mal eine linke oder zwei Maschen zu verkreuzen. Also eigentlich ziemlich simple. Doch man musste erst einmal darauf kommen. Margie ist darauf gekommen und ihre Inspiration dabei waren die faszinierenden Faltungen der Origami-Technik und ein japanischer Designer, wie sie mir weiter unten im Interview verrät.

Der Origami Shawl aus dem Noro Knitting Magazine 14, ein echter Design-Coup von Margie Kieper. Foto: Soho - Noromaniac
Erst noch einmal das Orignal aus Der Noro Silk Garden. Fotos: Noro Knitting Magazine 14 – Soho/KFI

Origami – Die Kunst des Papierfaltens

Origami, die jahrtausendealte Kunst aus dem asiatischen Raum, Papier zu dreidimensionalen Objekten wie Tieren, Blumen oder anderem zu falten, kennt mittlerweile jeder und viele haben sich auch schon daran versucht. Das bekannteste Objekt ist dabei wohl der Kranich. Diese klassische Origami-Figur ist fast zu einem Sinnbild für diese Papierfaltkunst geworden, auch weil der Kranich für eine tiefere Bedeutung steht: ein langes Leben sowie Glück und Frieden. In Japan hat sich dieses Falten zu einer wahren Kunstform entwickelt. Wenn du mehr darüber erfahren möchtest, dann finde ich diesen Artikel von Japandigest ganz hilfreich.

Hier ein paar Beispiele: Ein Origamiball oder eine große Blüte. Der Schmetterling, der in Japan das Symbol für die Liebe ist. Und natürlich der Kranich …

Bunter Ball aus vielen verschiedenen gemusterten und farbigen Papierstücken typisch für Japans-Faltkunst. Foto: Pixabay. Illustration für den Artikel von Noromaniac
Schmetterling aus Papier in schwarz-weiß. Foto: Pixabay. Illustration für den Artikel von Noromaniac
Gefalteter Kranich aus gemustertem Papier. Foto: Pixabay. Illustration für den Artikel von Noromaniac

Auch beim Stricken eines Origami Shawls kannst du Glück und Frieden finden, darum geht es nun an die Nadeln …

Origami Shawl – Die Kunst des Falten-Strickens

Das Origami Shawl Design sieht wirklich unglaublich raffiniert aus. Er besteht aus Falten- und Zickzack-Abschnitten und enthält rechte und linke Verkreuzungen, wodurch diese dreidimensionale Optik erzeugt wird, wie beim Falten von Papier. Natürlich darf man in diesem Fall den Schal nicht spannen, denn sonst geht dieser tolle Effekt flöten.

Wie bereits erwähnt ist das Stricken selbst recht einfach. Es ist nur etwas langwierig, denn dieser Schal ist aufgrund seiner Abmessungen eher eine Stola. Sie misst bei mir, gestrickt aus der Noro Shiro, liegend 42,5 cm in der Breite und 198 cm in der Länge. Im Original ist der Origami Shawl aus der Noro Silk Garden 46,5 cm mal 183 cm. In meiner Shiro-Version habe ich einen Mustersatz in der Länge mehr gestrickt als im Original, denn nach den angegeben Mustersätzen, war er mir noch zu kurz. Ich bin außerdem ganz leicht von der Anleitung abgewichen und habe jeweils zwei Reihen mehr im Faltenabschnitt gestrickt. Die Nadelstärke lies ich unverändert.

Der Farbrapport des Garns Noro Shiro Farbe #2 mit Beige, Grau, Schwarz und Türkis "live" im gestrickten Schal. Foto: Katrin Walter – Noromaniac

Zu stricken begonnen habe ich ihn vor circa einem Monat, gleich nachdem ich auf ein Schnäppchen der tollen Noro Shiro gestoßen war. Fast sofort nachdem das Garn geliefert wurde, musste ich anfangen. Ich liebe die Noro Shiro mit ihrem Kaschmir-Anteil sehr und habe daraus auch schon einen Schal und eine Mütze (aus der Farbe 6 – kannst du hier sehen). Als ich die Farbe #2 der Noro Shiro mit ihrem Beigeanteil nun hier hatte, dachte ich mir, dass es genau das richtige Norogarn sein könnte, um mir endlich selbst diesen besonderen Origami Shawl zu stricken. Gedacht – getan! Und hier ist meine Version …

Mein Origami Shawl

Noch einmal das Ausgangsgarn, die Noro Shiro Farbe #2
Das Garn Noro Shiro Farbe #2 mit Beige, Grau, Schwarz und Türkis im Knäuel. Foto: Katrin Walter – Noromaniac

Das Original von Margie Kieper aus der Noro Silk Garden #269 und der Strickanfang von meinem Origami Shawl aus der Noro Shiro #2
Der Origami Shawl aus dem Noro Knitting Magazine 14 zusammen mit dem Garn Noro Shiro Farbe #2, aus dem Noromaniac, ihre Stola gestrickt hat in Beige, Grau, Schwarz und Türkis. Foto: Katrin Walter

Und im Folgenden kannst du den kompletten Farbverlauf der Noro Shiro #2 im Origami Shawl bewundern. Mein Schal ist lang genug, um ihn auch zweimal um den Hals zu schlingen und als fetten Halsschmeichler zu tragen
Diese gestrickte Stola kannst du auch als Schal aus Noro Shiro tragen, zweimal um den Hals gewickelt. Foto: Katrin Walter - Noromaniac

Dabei passt er besonders gut zu meiner neuen Weste aus der Noro Haunui mit Noro Tennen und Noro Madara (rechts auf dem Stuhl)
Dieser breite Schal aus Noro Shiro in Beige, Schwarz, Grau und Türkis passt besonders gut zu meiner Weste aus der Noro Haunui, Noro Tennen und Noro Madara ebenfalls in Beige-Grau. Foto: Katrin Walter - Noromaniac

Das Origami Shawl Muster noch einmal ganz aus der Nähe …

Das Origami Shawl Design aus der Nähe, du kannst hier hut die Getrickten Falten sehen. Foto: Katrin Walter – Noromaniac
Der Aufbau des gestrickten Designs ist gut zu erkennen, die auf dem kraus rechts gestrickten geraden und nach rechts und links geneigten Maschen, die den Falz von Origamipapiers nachahmen. Foto: Katrin Walter – Noromaniac

… und die Origami Stola aus der Noro Shiro in ihrer vollen Pracht

Die Stola im Origami Shawl Design in ihrer vollen Pracht auf der Schneiderpuppe. Foto: Katrin Walter – Noromaniac
Wie ein Wrap hüllt dich diese Stola aus dem Garn Noro Shiro im Origami Shawl Design ein und wärmt deine Schultern und den ganzen Oberkörper. Foto: Katrin Walter – Noromaniac Schal oder Stola, das ist hier die Frage? Diesen breiten Überwurf aus Wolle, Kaschmir und Seide (Noro Shiro) kannst du so vielseitig stylen. Foto: Katrin Walter – Noromaniac
Der Origami Shawl macht auch von hinten eine gute Figur, einfach so, locker über die Schulter geworfen. Foto: Katrin Walter – Noromaniac
Der Origami Shawl kann auch mal eine kleine Decke ersetzen. Die Noro Shiro aus Wolle, Kaschmir und Seide ist herrlich weich und wärmend kannst du dir auch einfach mal über die Füße werfen. Hier in Beige, Schwarz, Grau und Türkis. Foto: Katrin Walter – Noromaniac
Wrapping deluxe mit dem Origami Shawl aus Noro Shiro aus Wolle, Kaschmir und Seide. Luxus pur. Foto: Katrin Walter – Noromaniac

Kleine Plauderei mit der Designerin Margie Kieper

Einleitend muss ich noch einmal sagen, dass ich das Origami Shawl Design wirklich für etwas ganz Besonderes halte. Ich bin damals auf der Seite im Noro Knitting Magazine hängen geblieben, da ich den Effekt faszinierend fand. Schon damals wollte ich mit Margie Kieper darüber sprechen, doch jetzt, da ich ihren Origami Shawl selbst einmal gestrickt habe, passt das Interview mit Margie eigentlich noch besser.

Sprechen wir also über das Origami Shawl Design:

Katrin:
Liebe Margie, schön, dass du Zeit gefunden hast ein paar Fragen zu deinem beeindruckenden Design zu beantworten. Und es freut mich sehr mit einer Frau zu sprechen, die ebenfalls, wie ich, ein großer Fan von hochwertigen Garnen und auch von Norogarn ist. Kannst du zuvor vielleicht etwas über den Design-Prozess sagen? Wie bist du auf die Idee zu diesem Muster gekommen? Was hat dich inspiriert?

Margie:
Es freut mich auch sehr, mich mit dir auszutauschen, Katrin.
Auch wenn ich über den Entwicklungsprozess des Origami Musters noch spreche werde, möchte ich zunächst sagen, dass es oft die Farben sind, die mich bei den Garnen in ihren Bann ziehen und ich gerne Farbkombinationen zusammenstelle. Doch bei meinen Design-Entwürfen gibt es nur wenige, bei denen es um die Kombination von Farben geht.

Hingegen, in den vielen Stücken, die ich für mich selbst mache, wimmelt es nur so von Farben. Dabei greife ich auf meinen persönlichen Vorrat zurück, der zum Teil aus sehr altem Garnen besteht, die heute nicht mehr erhältlich sind. In der Regel verwende ich dann sehr einfache Häkel- und Strickmuster, sodass die Farben im Vordergrund stehen, die sich dann eben nicht so leicht für ein Muster eignen (siehe Bild unten).

Ich liebe Garn und ich liebe viele verschiedene Arten von Garn, aber eine meiner großen Favoriten ist natürlich Noro, denn es gibt nichts Vergleichbares.

Häkel- und Strickarbeiten von Margie. Dabei kann es ihr (wie auch Noromaniac) nicht bunt genug zugehen. Foto: Margie Kieper
Häkel- und Strickarbeiten von Margie. Dabei kann es ihr (wie auch Noromaniac) nicht bunt genug zugehen. Foto: Margie Kieper

Katrin:
Wie ich dich verstehe, ich liebe es auch farbenfroh und Noro sowieso. Und auch ich habe – wie du – eine große Sammlung dieser wunderschönen Garne, davon viele, die nicht mehr hergestellt werden, wie auch die Noro Shiro, aus der ich dein Design nachgestrickt habe. 🙂 Doch wie war das nun mit deinem Origami Shawl Design?

Design-Inspirationsquellen

Margie:
Also, ich hatte schon immer das Bedürfnis, kreativ zu sein und zu entwerfen. Das ist etwas, was ich schon mein ganzes Leben lang getan habe. Hauptsächlich sind das persönliche Designs, die ich für mich selbst mache. Und nach mehreren Fehlstarts habe ich verstanden, wie der Designprozess für mich funktioniert. Es muss immer eine Inspiration geben und oft auch eine Idee, bei der ich mich frage: Wie könnte man das machen?

Katrin:
Wow, das ist wie bei mir. Ich mache das meiste auch für mich selbst. Dinge, die ich selbst mag und gerne tragen möchte. Doch jetzt sage mir bitte noch, woher die Inspiration für deinen Origami Shawl kam?

Japanisches Design für japanisches Designergarn

Issye Miyaki -Falten-Designs aus Stoff - Inspiration für das Strickdesign von Margie. Fotos: Issye Miyaki
Falten-Designs aus Stoff von Issye Miyaki. Fotos: Issye Miyaki

Margie:
Für den Origami Shawl habe ich mich mit komplexen gefalteten Formen beschäftigt, die mir ins Auge fielen (das Foto oben links im Bild). Das führte mich dann zu den einzigartigen Dingen, die Issye Miyaki mit Stoff machte (die beiden anderen Fotos auf dem Bild oben). Dabei war mein Gedankengang der folgende: Also, beim Stricken entsteht auch ein Gewebe. Nun war die Herausforderung, diesen Fakt auf ein Strickmuster zu übertragen. Zuerst sah ich mir dazu Dinge an, die dann aber zu kompliziert waren. So suchte ich weiter im Internet. Schließlich sah ich ein Bild mit gefaltetem Papier (Bild unten), das machbar aussah. Und so konzentrierte ich mich darauf, wie ich diese Form stricken könnte.

Origamiinspiration aus Papier für das Strickmuster. Foto: Margie Kieper
Origami-Inspiration aus Papier für das Strickmuster. Foto: Margie Kieper

Katrin:
Ich wüsste nicht mal, wie man das falten kann. Machst du auch Origami?

Margie:
Ja, ich habe auch schon Origami gefaltet. In einem Jahr habe ich eine Reihe kleiner gefalteter Papierschachteln für eine Lichterkette gemacht, und das war wirklich schön. Ich habe auch eine Reihe von Weihnachtsornamenten gefaltet, die aus gefalteten japanischen Gewändern bestanden und die ich an einen Baum aus Federn gehangen habe. Und ich habe eine Sammlung von verschiedenem Origami-Papier, das ich sehr schön finde und das man auch für Collagen verwenden kann.

Katrin:
Ich bin beeindruckt. Doch wieder zurück zum Origami Shawl. Wie lief das mit dem Strickprozess ab? Hast du mehrere Versionen machen müssen?

Vom Origami-Falten zum Rechts-Links-Twist im Origami Shawl

Noro Knitting Magazine 14 mit der Strickanleitung für den Schal. Foto: Soho / Knittingfever
Noro Knitting Magazine 14 mit der Strickanleitung für den Origamischal. Foto: Soho / Knittingfever

Margie:
Ja, doch nach mehreren Versuchen wurde mir klar, dass ich ein relativ einfaches Strickstück mit vertikalen Falten entwerfen kann. Im nächsten Schritt erkannte ich, dass ich linke und rechte Maschen verwenden konnte, um die diagonalen Falten zu erhalten. Nach mehreren Versuchen hatte ich ein Muster ausgearbeitet, das sich überraschenderweise als sehr einfach in der Ausführung erwies. Doch ich war mit den Standardmethoden für das Zusammenstricken der nach links geneigten Maschen nicht zufrieden. Der Twist nach Links wurde zu „treppenförmig“ und das zerstörte die Symmetrie. Also untersuchte ich den rechten Twist, also wie die Maschen für die Rechtsneigung verkreuzt wurden, und kreierte eine neue nach links geneigte Verkreuzung, den linken Twist, der das Endergebnis des rechten Twists widerspiegelte. Das funktionierte. In der Anleitung im Noro Magazin wird auch mittels Fotos extra darauf hingewiesen, dass der linke Twist in diesem Muster auf diese Weise ausgeführt werden muss.

Katrin:
Stimmt. Es sieht erstmal verwirrend aus aber wenn man es macht, begreift man es sofort. Ich war sehr überrascht, wie einfach das ist. Bereits nach der ersten Reihe mit diesen Twists hatte ich den Dreh raus. Aber Wahnsinn, wie lange du daran getüftelt hast.

Der Design-Prozess

Margie:
Stimmt dieser Prozess ist vielen nicht klar, darum danke ich dir für die Gelegenheit, das hier einmal zu erwähnen.

Seit der, so wie ich es nenne, „Übernahme“ des Strickbewusstseins durch die sozialen Medien und dem daraus resultierenden traurigen Zustand des heutigen Strickens mit übermäßig vereinfachten Mustern, ohne Betonung der Passform und ohne Originalität. Und durch den Trend, dass jede:r Stricker:in „Designer:in“ sein und Muster verkaufen will, bekommt man von diesen Dingen nicht mehr viel mit – und das, obwohl in diesem Bereich kein großes Geld zu verdienen ist.  Dieser Trend wurde zum ersten Mal bei den „100 Acts of Sewing“ sichtbar, die die Idee propagierten, ein Kleid aus Jutesäcken zu tragen. Bei all dem geht es mehr um den Aspekt, auf Social-Media zu punkten, als um das eigentliche Handwerk. Es gibt zu wenig Anerkennung für das Handwerk der Garnherstellung oder für den Designprozess, sondern nur dafür, wie viele Muster in die Maschinerie gesteckt und verkauft werden können.

Katrin:
Margie, du sprichst mir aus dem Herzen. Mich nerven aber vor allem die Schlappersachen ohne Passform, da stimme ich dir zu. Was die Muster angeht, so bin ich nicht ganz so streng, denn heute stricken auch viele als Entspannung abends vor dem TV und wollen einfach etwas mit den Händen schaffen und präferieren dann „Easy Knitting“-Projekte. Ich muss auch immer etwas in den Fingern haben, mal komplizierter, mal einfacher. Zum Glück muss man bei Noro auch nicht so komplizierte Muster stricken, wie du weiter oben auch schon erwähnt hast, da es meistens die Farben sind, die im Vordergrund stehen.

Was Social Media angeht, so bin ich auch zwiegespalten, sie nerven aber anderseits kann man auch neue Freunde finden, die dein Hobby teilen, so wie ich auch dich gefunden habe in Social Media. 🙂

Ich bin aber auch in mehreren Social Media Gruppen und wenn man dort etwas zeigt, ist oft die erste Frage, ob man die Anleitung haben kann. Und wenn man dann sagt, dass sie etwas kostet, verstummen die Fragenden und sind weg. Designarbeit findet zu wenig Anerkennung, obwohl durch sie die Dinge doch erst ihre Schönheit und Funktionalität bekommen.

Abstrakte Darstellung von Falten und Kniffen in Weiß und Türkis - Illustration für den Artikel von Noromaniac

Das Handwerk der Handarbeit …

Margie:
Als ich aufwuchs, war es ziemlich normal, mit einer Nähmaschine umgehen zu können. Mit acht Jahren lernte ich auf der Maschine meiner Mutter, einer brandneuen „Singer Silver Touch and Sew“, zu nähen, und als ich dreizehn war, verdiente ich mir ein Taschengeld, indem ich Kleidung für andere Schüler nähte und gekaufte Singer- und McCalls-Schnittmuster für mich selbst abänderte. Das war ein Ventil für meine Kreativität, aber durch das Nähen vieler Kleidungsstücke nach Papierschnitten lernte ich im Laufe der Zeit auch eine Menge über Passform und Kleidungsdesign. All diese natürlich erworbenen Fähigkeiten aus meinen Teenagerjahren sind in den heutigen Generationen verloren gegangen. Die jungen Frauen von heute haben Mütter, die weder nähen noch eine Nähmaschine besitzen und ein Kleid zum Schneider bringen würden, wenn sich ein Saum löst. Ganz anders als in meiner Generation.

… und die Sehnsucht nach dem Individuellem

Katrin:
Mmh, ich denke das trifft nicht auf alle zu. Ich glaube es gibt heute gerade bei den sehr jungen Leuten wieder eine Rückbesinnung und sie fangen an zu nähen oder zu stricken, auch wenn sie es nicht von Ihren Eltern gesehen haben, vielleicht auch gerade Dank Social Media.

Ich, zum Beispiel, habe zwar mit Nähen angefangen, weil ich es bei meiner Großmutter gesehen habe, die uns immer schicke Kleider nähte. Und es ist wirklich witzig, wie viele Parallelen es bei uns gibt. Ich habe nicht für andere Schüler genäht, sondern später für Kolleginnen. Ich komme ursprünglich aus der DDR und da gab es nicht so viel und vor allem nicht so viel Schickes und Individuelles. Darum habe ich mit Nähen angefangen. Und meine Kolleginnen fragten mich dann, ob ich ihnen passgenaue Röcke nähen könne und brachten mir ein Stück Stoff. Das hatte Spaß gemacht, soviel Anerkennung zu genießen und ich habe mir etwas Urlaubsgeld dazuverdient.

Mit Stricken habe ich völlig selbständig begonnen, weil ich mir da auch etwas machen wollte, was niemand sonst hatte.

Margie:
Bei mir war es meine Großmutter, die mir schon früh das Stricken beigebracht hatte, und meine Mutter brachte mir das Häkeln bei. Mein erstes Nähprojekt war ein handgenähtes „Kleid“ für meine Barbiepuppe, das aus einem langen Rechteck aus Stoff bestand, das in der Mitte gefaltet und mit einem Loch für den Hals und den Seitennähten versehen wurde, wobei Löcher für die Arme gelassen wurden – ohne Saum LOL. Ich war so stolz darauf. Ich glaube, ich war fünf.

Katrin:
Was für eine süße Geschichte. 🙂

Häkeln oder Stricken? Beides!

Margie:
Häkeln war sehr beliebt, als ich aufgewachsen bin, und ich habe damals viel gehäkelt. Im Supermarkt konnte man viele Häkelzeitschriften kaufen. In der Highschool hatte ich eine Schlaghosen-Hüft-Jeans, die ich komplett bestickte und oft zur Schule trug. Die Leute hielten mich auf dem Flur an und fragten mich, was ich daran zuletzt gemacht hätte. Als sie zu kurz wurde, nähte ich eine auffällige 15 Zentimeter breite, schwarze Samtborte mit Maschinenstickerei unten an die Beine.

Mit vierzehn bekam ich einen Job im örtlichen „Five-and-Dime“ (Anm. d. Red. amerikanisch für Billigwarenhaus), das eine Stoff- und Bastelabteilung hatte. Dort machte ich fast jede erdenkliche Handarbeit und lernte Makramee. Ich flocht und häkelte Teppiche, habe gestickt, gekreppt und mit Kreuzstichen gearbeitet. Dann fügte ich noch das Smoken zu meinen Nähkenntnissen hinzu. Ich flickte regelmäßig Kleidung auf der Nähmaschine, und als ich eine eigene Wohnung hatte, nähte und quiltete ich für meinen Haushalt.

In den 1980er Jahren habe ich mehr gehäkelt, aber danach habe ich mich wieder dem Stricken zugewandt. Heutzutage stricke ich mehr, aber ich habe immer ein Häkelprojekt in Arbeit. Ich bin immer wieder überrascht, dass es nicht mehr Projekte gibt, bei denen beide Fertigkeiten zum Einsatz kommen, und ich habe mich sehr gefreut, als ich dein Design des Knit & Crochet Coats gesehen habe, bei dem dies der Fall war.

Zwei Designerinnen am Schwelgen

Katrin:
Oh danke sehr, das freut mich.
Ich bin, wie man an dem Origami Shawl sieht, ein großer Fan von deinen Designs. Den Origami Shawl habe ich nun schon auf meiner Projektliste abgehakt. Mir gefallen noch sehr dein gestrickter Pullover „Squared“ aus Noro Kureyon, dein gehäkelter „Trapezoidal Shawl“ aus der Noro Silk Garden Sock und der offene Schulterwärmer „Ripple Shawl“ aus der Noro Kureopatora. Da steht noch einiges von dir auf meiner Projektliste, neben meinen eigenen Ideen, die teilweise schon seit Jahren in meinem Kopf rumschwirren.

 

Screenshot aus dem DIY-Netzwerk Ravelry mit drei Projekten von Margie Kieper - Noromaniac
Screenshot aus dem DIY-Netzwerk Ravelry mit drei Projekten von Margie Kieper

Margie:
Mir geht es auch so. Heutzutage möchte ich nur dann ein Design machen, wenn ich eine wirklich gute Idee habe und wenn es etwas Einzigartiges ist. Das ist mir sehr wichtig, etwas zu machen, was noch nie gemacht wurde. Deshalb habe ich nicht das Bedürfnis, ständig Design-Entwürfe zu produzieren. Ich mache nicht so viele Entwürfe, weil es schwer ist, auf diese Art zu neuen Ideen zu kommen, und weil ich gerne jahrelang daran rumbastele. Oft entwerfe ich spezielle Maschenstiche, um eine Idee zu verwirklichen, wie zum Beispiel den Quilted Block Cowl, den ich für Knit Simple gemacht habe, oder den Zara Cowl für Knitting Fever. Bei ersterem handelt es sich um ein Strickmuster, das ich vor vielen Jahren in den 1990er Jahren entwickelt habe, wobei die Idee der erhöhten Quadrate an einen gesteppten Stoff erinnert, und bei letzterem sind es zwei Ideen. Erstens: kraus rechts Gestricktes mit vertikalen und horizontalen Linien zu versehen. Und zweitens: drei Maschen auf eine abzunehmen und in nur einer Masche wieder auf drei Maschen zuzunehmen (um ein X zu bilden). Es hat also Spaß gemacht, das herauszufinden.

 

Weitere Projekte aus Ravelry von Margie Kieper
Weitere Projekte aus Ravelry von Margie

Katrin:
Dann wünsche ich dir weiterhin viele gute Ideen. Ich bin schon gespannt auf deine neuen Designs und bedanke mich für deine Zeit.

*** Ende Interview zum Origami Shawl und Fazit

Der Origami Shawl aus dem Garn Noro Shiro Farbe #2 in Beige, Grau, Schwarz und Türkis lässig über die Stuhllehne geworfen, sieht auch gut aus so als Wohn-Accessoires. Foto: Katrin Walter – Noromaniac

Wahnsinn. Ich wollte mit Margie eigentlich nur etwas über den Origami Shawl plaudern … nun hast du noch jede Menge Einblicke – sowohl in ihr als auch in mein Kreativleben – gewonnen. Ich hoffe, du hattest Spaß beim Lesen, wie wir bei unserem Dialog. Gern hinterlasse einen Kommentar zum Origami Shawl oder auch generell zu Design-, Strick- und Häkelarbeiten oder deinem kreativem Prozess, wenn du etwas anpackst. Strickst/Häkelst du einfach drauflos oder arbeitest du lieber nach Anleitung? Schreib, was dir einfällt! Ich bin gespannt.

Die Noro Shiro verstrickt in der breiten Stola, dem sogenannten Origami Shawl und drei Knäule dieses Norogarns. Foto Katrin Walter - Noromaniac

Hier geht es zur englischsprachigen Version des Interviews mit Margie Kieper …


Fotos Origami-Beispiele und Abstract: Pixabay. Restliche Fotos zum Origami Shawl, wenn nicht anders direkt beim Foto angegeben (c) Katrin Walter – Noromaniac.

6 Comments

  1. Pingback: The Origami Shawl Design by Margie Kieper – Chat with the Designer

  2. Majo

    Hallo Noromaniac, ich bin leider nicht fähig, mir selber etwas auszudenken. Wenn ich also stricke, häkele, falte oder andere Handarbeiten machen möchte, brauche ich Vorlagen. So bin ich sehr froh über alle ‚Noromaniacs‘ und ‚Margies‘ unserer Handarbeitswelt, sprich ich bin über alle Designer froh, die auf tolle und immer wieder auch neue Ideen kommen und so für mich Anleitungen herausgeben. In eurem Gespräch zu erfahren, wie so ein Ideenprozess abläuft, war spannend zu lesen. Eine schöne Idee, uns daran teilhaben zu lassen. Deshalb hier mein Dank und auch Glückwunsch für Deine (geteilte) Kreativität, eine Gabe, die ich für wundervoll halte! – Majo

    1. Noromaniac

      Liebe Majo,
      vielen lieben Dank für deinen tollen Kommentar.
      Und es freut mich, dass du die Arbeit von Designern würdigst. Ich denke aber, dass sicher auch du kreativ bist.
      Oft fehlt einfach nur die Zeit, etwas lange auszuprobieren und da greifen viele dann lieber auf eine sichere Anleitung zurück. Wichtig ist, dass es einem selbst gefällt … es ist wie beim Wein, der Wein, der einem selbst schmeckt, ist vielleicht nicht der, der bei Wettbewerben die höchste Punktzahl erhält. Das Strickteil, das du dir selber machst, gewinnt vielleicht keinen Design-Preis, ist aber ganz deins.

  3. Pingback: Tekapo Westover mit Noro Haunui … oder mal Beige feiern - Noromaniac

  4. Soleaelos

    Origami – eine wundervolle Kunst. Kunst, weil sie es schafft minimalistisch mit minimalsten Einsatz von Material in neue Formen zu bringen und uns so einen anderen Blick auf unsere bekannte Welt gewährt. Die Kunst mit Hilfe von Text Atmosphäre und Feeling zu vermitteln – das kannst du, liebe Normaniac. Und dann natürlich die Kunst und das Feingefühl mit den Nadeln umzugehen und uns mit deinen Kreationen in eine neue Welt zu führen. Wunderschöne edle Stola, die viele einfache Outfit elegant aufpeppt.

    1. Noromaniac

      Liebe Soleaelos,
      vielen lieben Dank für deine lieben Worte 🙂
      Origami ist wirklich faszinierend und das Muster dieser Stola erinnert wirklich an dieses kunstvolle Falten. Um so mehr war ich sofort begeistert, als ich das Muster von Margie sah. Ich habe es passend zu meiner Garnwahl nur ganz leicht und kaum merklich abgeändert und bin auch sehr zufrieden mit meiner Stola aus der Noro Shiro. Sie passt wirklich wunderbar zu vielem, was ich habe (und zu Neuem, was ich hier auf Noromaniac auch noch zeigen muss).
      Bleib gespannt und schau gern wieder rein!

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